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Start Interviews Angelina Jolie: "Das macht mich krank!"

Angelina Jolie: "Das macht mich krank!"

Es gibt Schauspielerinnen, die werden erst durch die Macht der Kamera zum Star. Angelina Jolie gehört nicht dazu. Beim Gespräch mit WELT ONLINE ist keine Diven-Aura zu spüren ? der Star zeigt sich pragmatisch und selbstironisch.

WELT ONLINE: In ihrem neuen Film, ?Der gute Hirte? spielen Sie eine Frau, die von Ihrem karrieresüchtigen Ehemann vernachlässigt wird und trotzdem bei ihm bleibt. Mit der realen Angelina Jolie hat diese Figur wohl wenig zu tun?

Angelina Jolie: Das ist allerdings richtig. Genau deshalb fiel mir auch diese Rolle nicht leicht. Wenn eine Beziehung nicht funktioniert, dann solltest du einen Schlussstrich ziehen. Es ist für alle Beteiligten ungesund, in so einer Situation zusammenzubleiben. Genau deshalb ließ ich mich von meinen bisherigen Männern scheiden, und aus diesem Grund haben wir nach wie vor ein gutes Verhältnis. Aber in den 50ern, wo der Film spielt, war die Situation noch ganz anders. Da war es ja schon ein Verbrechen, wenn eine Frau ihrem Ehemann widersprach. Gott sei Dank liegen solche Zeiten weit hinter uns. Schlagworte Angelina Jolie Schauspielerin Der gute Hirte Brad Pitt Hollywood Kino

WELT ONLINE: ?Der gute Hirte? bereitet die Geschichte des CIA auf. Im Herbst beendeten sie die Dreharbeiten zu ?A Mighty Heart?, der Geschichte des Journalisten Daniel Pearl, der von islamischen Extremisten ermordet wurde. Haben Sie eine Präferenz für politische Filme entwickelt?

Angelina Jolie: Es ist nicht so, dass ich nur noch Politkino drehen will. Unterhaltung ist nach wie vor wichtig. Wenn ich als Uno-Botschafterin unterwegs bin, dann erkennt man mich vor allem wegen ?Tomb Raider?. Aber ich verbringe momentan lieber die Zeit mit meinen Kindern, und wenn ich für die Arbeit verreise, dann muss es der Film auch wert sein.

WELT ONLINE: Woher wussten Sie, dass ein Film wie ?Der gute Hirte? es wert war?

Angelina Jolie: Ich hatte schon lange kein so intelligentes Drehbuch mehr gelesen. Wobei ich es mehrmals lesen musste, um es wirklich zu verstehen. Außerdem stellt dieser Film unsere Regierung und Außenpolitik in Frage. Und das ist sehr wichtig. In den letzten fünf Jahren war ich auf der ganzen Welt unterwegs. Und die Reaktionen, die ich auf meine Nationalität bekomme, haben sich drastisch verändert.

WELT ONLINE: Haben Sie Antiamerikanismus gespürt?

Angelina Jolie: Das ist ein bisschen zu hart ausgedrückt. Aber die Leute sind überrascht, dass ich in ihr Land reise, um etwas Positives zu tun. Sie finden es verdächtig. Denn sie fragen sich, warum das amerikanische Volk einen Präsidenten wieder wählte, dessen Politik so viele negative Auswirkungen hat.

WELT ONLINE: Bei Ihren Reisen waren Sie im Auftrag des Uno-Flüchtlingshilfswerks unterwegs. Haben Sie da auch positive Veränderungen wahrgenommen?

Angelina Jolie: Offen gestanden bin ich ziemlich enttäuscht. Denn in Ländern wie Tschetschenien oder dem Kongo hat sich die Lage für Flüchtlinge nach Jahren nicht wesentlich verbessert. Und selbst wenn Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgeschickt werden wie in Afghanistan, heißt das nicht, dass die Lage dort stabil ist. Wir stecken die Leute in Busse, und sie fragen sich zu Recht: ?Gibt es dort Wasser? Sind wir sicher?? Man tut so, als wäre das der Fall, aber in Wirklichkeit gibt es kein Geld mehr, um die Leute in den Camps zu versorgen. Die internationale Gemeinschaft will einfach, dass sie nach Hause zurückkehren, und klopft sich dafür gegenseitig auf die Schulter. Das macht mich wirklich krank!

WELT ONLINE: Was ziehen Sie daraus für Konsequenzen?

Angelina Jolie: Erstmal konzentriere ich mich auf lokale Projekte. In Kambodscha betreue ich ein Dorf mit 5000 Einwohnern, wo wir in einem Schutzgebiet eine modellhafte Landwirtschaft und eine vorbildliches Gesundheitsversorgung realisieren. Da bewegt sich einiges vorwärts. Außerdem beschäftige ich mit intensiv mit rechtlichen Themen. Alle Hilfsmaßnahmen bringen nichts, wenn es in einem Land keine Rechtssicherheit gibt. Das ist für mich zu einem neuen Schwerpunkt geworden. Ich verfolge auch intensiv die Entwicklungen in der Rechtssprechung ? etwa im Umgang mit AIDS-Waisen ? oder die Beratungen des Internationalen Gerichtshofs in der Darfur-Frage.

WELT ONLINE: Sie versuchten das Interesse der Öffentlichkeit auf die Flüchtlingsproblematik zu lenken. Haben Sie da etwas erreicht?

Angelina Jolie: Bis zu einem gewissen Grad schon, einfach weil ich an so vielen Diskussionen und Gesprächen teilgenommen habe. Ich habe auch vor dem US-Kongress gesprochen. Aber auch bei der öffentlichen Wahrnehmung liegt noch vieles im Argen. Viele westliche Regierungen und Medien präsentieren Flüchtlinge in einem negativen Licht. Sie zeigen nicht die positiven Einflüsse, die Flüchtlinge auf ihr eigenes Land hatten. Ich kann für meinen Teil keine nationalen Grenzen so akzeptieren. Auch wenn ich auf mein Land stolz bin, so sage ich doch zu keinem Flüchtling oder Migranten: ?Du darfst nicht hinein.? Jeder kann etwas Wunderbares zur Entwicklung dieses Landes beitragen.

WELT ONLINE: Absurderweise sind Sie aber in Ihrem Alltag mit anderen Problemen konfrontiert: Paparazzi jagen Sie und Brad Pitt über den Globus.

Angelina Jolie: Natürlich bin ich darüber frustriert, aber was soll ich machen? Das verkauft sich nun einmal. Dabei lese ich diese ganzen Magazine nicht einmal und in vielen Ländern, wo ich hinkomme, gibt es sie gar nicht.

WELT ONLINE: Aber wie gehen Sie und Brad Pitt damit um?

Angelina Jolie: Wir versuchen nicht auf diesen Unsinn zu achten und nehmen ihn nicht ernst. Im Endeffekt hat er gar nichts mit uns persönlich zu tun. Momentan sind wir die angesagte Geschmacksrichtung, aber in einem Jahr wird es jemand anders erwischen. Deshalb versuchen wir mit unserem Leben ganz normal weiterzumachen. Die Paparazzi kommen uns auch nicht immer hinterher. Letztes Jahr waren wir für ein paar Tage bei Brads Eltern in Missouri, und das hat niemand spitzgekriegt.

WELT ONLINE: Sie engagieren sich als Aktivistin, sind ein gefragter Star und eine dreifache Mutter. Wächst Ihnen das alles nicht manchmal über den Kopf hinaus?

Angelina Jolie: Das hört sich so an, als wären das alles Belastungen, aber das sind sie nicht. Ich liebe, das was ich meinem Leben tue. Wobei ich natürlich schon meine Zeit gut managen muss. In den letzten zwei Jahren stand ich nicht so häufig vor der Kamera ? nur zwei Monate insgesamt. Und als Mutter lasse ich die Zügel nicht schleifen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich solche Rollen spielte, ohne eigene Kinder zu haben. Ich war so richtig zuckersüß. Aber die Realität sieht ein bisschen anders aus. Da heißt es: ?Los jetzt, bewegt euch, zackzack.?

WELT ONLINE: Das klingt ja nach Kasernenhofton.

Angelina Jolie: Ich kann streng sein, wenn ich muss. Aber ich bin eine Freundin meiner Kinder. Normalerweise muss ich nie hart werden, damit sie etwas verstehen.

WELT ONLINE: Wie sehr haben Sie sich durch Ihre Kinder verändert?

Angelina Jolie: Meinen ältesten Sohn Maddox, der jetzt fünf wird, adoptierte ich vor knapp vier Jahren. Und er brachte die einschneidenste Veränderung. Er hat mich zum Beispiel gelehrt, was Geduld heißt. Früher konnte ich mir auch nicht vorstellen, wie es ist, mit einem Kind vier Stunden lang zu malen. Durch ihn habe ich soviel Freude erfahren. Wenn ich drehte, lief ich in jeder Pause, so schnell ich konnte, in meinen Wohnwagen, weil dieser kleine Mensch auf mich wartete. So kam alles heraus, was ich an Sanftheit, Liebe und Güte hatte. Und meine anderen Kinder, Zahara und Shiloh, haben das nur verstärkt. Sie sind meine Seelenverwandten. Dank ihrer konzentriere ich mich auf das, was wirklich wichtig ist.

WELT ONLINE: Sie sind also ein besserer Mensch geworden?

Angelina Jolie: Das würde ich bejahen. Ich bereue nichts von dem, was ich getan habe, bevor ich meine Kinder bekam. Das waren notwendige Schritte in meinem Entwicklungsprozess. Wie ich den ohne Therapie bewältigt habe, weiß ich selbst nicht genau. Ich habe mich einfach geöffnet, weil ich mehr über die Welt und andere Menschen lernen wollte. Und durch diese ganzen Veränderungen habe ich nicht mehr dieses Chaos in meinem Kopf wie noch in meinen 20ern. Wenn ich in der Früh aufwache, weiß ich, wo ich in der Welt stehe und was ich anderen Menschen geben kann. Das gibt mir tiefen inneren Frieden.

WELT ONLINE: Doch für die Öffentlichkeit bleiben Sie das große Sexsymbol. Stört Sie das nicht?

Angelina Jolie: Das ist doch schön. Ich betrachte das eher als Kompliment. Ich bin eine Mutter, aber genauso bin ich ein sexuelles Wesen. Das ist sehr wichtig für mich. Ich bin vielleicht ein besserer Mensch geworden. Aber das heißt doch nicht lange nicht, dass ich kein Sexsymbol mehr sein will. Ganz im Gegenteil!

Quelle: http://www.welt.de/

 

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