Petra August 2005
In den USA stehen Sie immer wieder wegen Ihres Privatlebens unter Beschuss. Kirchenverbände und konservative Frauengrappen kritisieren Ihre angeblich zu freizügige Einstellung zur Sexualität.
Um mich muss sich wirklich niemand Sorgen machen. Ich tue nichts Verwerfliches. Ich bin eine gute Mutter und daneben ständig als Botschafterin der Vereinten Nationen unterwegs, um auf die Probleme von Flüchtlingen und Kranken weltweit aufmerksam zu machen. Nur weil ich gelegentlich mit Männern schlafe, bin ich noch lange kein Sexluder.
Die Kritik verletzt Sie also nicht?
Nein, denn ich empfinde meine sexuelle Offenheit als ganz normal. Bedenklich ist für mich, wie bigott und verkrampft viele Menschen mit dem Thema Sex umgehen. Frauen haben One-Night-Stands, warum nicht? Doch wenn jemand offen darüber redet, bricht eine Lawine der Empörung los. Die Leute sollten aufhören, mein Sexualleben zu kritisieren. Es gibt Wichtigeres auf der Welt.
Gestatten Sie uns trotzdem eine Nachfrage: Mit wem hatten Sie diese One-Night-Stands?
Mit Bekannten und Freunden, die ebenfalls Single sind. Wir haben uns in netten Hotels getroffen, und danach bin ich nach Hause gefahren. Dort bin ich ausschließlich für meinen Sohn Maddox da. Für moderne Mütter sollte es selbstverständlich sein, ihre Lust auf Sex nicht zu unterdrücken. Sex ist etwas Natürliches, weshalb sollte ich also darauf verzichten? Mein Sohn profitiert doch davon, wenn seine Mum körperlich entspannt ist. Solange ich meine Liebhaber nicht mit nach Hause bringe, besteht keine Gefahr, dass sich Maddox emotional an sie bindet. Das möchte ich in- jedem Fall vermeiden. Ich trenne mein Sex-Leben strikt vom Familienleben. Maddox wird erst dann einen meiner Liebhaber näher kennen lernen, wenn ich das Gefühl habe, dass der ihm ein guter Vater sein könnte.
Handelt es sich bei diesem Kandidaten um Brad Pitt?
Jetzt spielen Sie auf die Gerüchte an, Brad und ich hätten seit einiger Zeit eine Affäre. Sehen Sie, die Wahrheit ist: Brad und ich haben vergangenes Jahr einen Film mit dem Titel ?Mr. & Mrs. Smith" gedreht. Dabei haben wir uns angefreundet. Mehr ist allerdings nicht passiert, schließlich war Brad damals noch mit Jennifer Aniston verheiratet. Brad Pitt ist ein sehr netter Kerl. Natürlich hat er am Set auch Maddox kennen gelernt, aber es war keineswegs meine Absicht, ihn als potenziellen Vater zu testen. Es kann zwar nicht schaden, wenn Maddox gelegentlich auch männliche Bezugspersonen hat - zumal seine Mutter eine ziemlich dominante Person ist. Allerdings achte ich schon darauf, welche Männer das sind.
Filmschauspielerin, allein erziehende Mutter, Botschafterin der UN-Flüchtlingskommission - wird Ihnen das nicht manchmal zu viel?
Starke Frauen spiele ich nicht nur in Filmen wie ?Lara Croft" oder ?Mr. & Mrs. Smith", stark bin ich auch im richtigen Leben. Und wenn ich mal Hilfe brauche, kann ich mich auf meine Familie und Freunde verlassen, die mich sehr unterstützen. Sehen Sie, ich habe das große Glück, dass ich finanziell abgesichert bin. Dadurch kann ich mir Haushälterinnen und Kindermädchen leisten, die mir viel Arbeit abnehmen. Ich musste lernen, allein für Maddox und mich verantwortlich zu sein, nachdem mein Ex-Mann Billy Bob Thornton (Maddox adoptierten die beiden gemeinsam.) mich verlassen hatte. Damals habe ich begriffen, dass Männer ein ziemlich großer Unsicherheitsfaktor sind. Seitdem verlasse ich mich auf meinen Instinkt. Und fahre bislang damit ganz gut.
Welche Eigenschaften muss ein Mann haben, der Ihr Leben teilen darf?
Es gibt leider nur sehr wenige Männer, die mein Leben und meine Ansichten verstehen und außerdem verlässlich sind. Ich war zweimal verheiratet und habe dabei nicht unbedingt die besten Erfahrungen gemacht. Schwamm drüber, ich bin eine gestandene Frau und komme ganz gut ohne Mann in meinem Leben klar. Das Problem ist: Ich bin viel konservativer, als die meisten vermuten. Treue ist mir sehr wichtig, vielen Männern leider nicht. Das allein ist schon ein großes Hindernis bei der Partnersuche. Ich hatte noch nie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, das kommt für mich grundsätzlich nicht in Frage. Mein Vater hat meine Mutter betrogen, und ich habe das als Kind mitbekommen. Solche Erfahrungen schmerzen und prägen einen für den Rest des Lebens. Deshalb blitzen verheiratete Männer grundsätzlich bei mir ab.
Waren Ihre unglücklichen Beziehungen zu Männern der Grund dafür, dass Sie lange Zeit unter Depressionen litten?
Nicht unbedingt. Die waren eher ein hausgemachtes Problem. Ich habe krampfhaft nach dem Sinn des Lebens gesucht. Ich wusste einfach nicht, wo es langgehen soll. Außerdem fühlte ich mich als Schauspielerin unterschätzt und bekam nur mittelmäßige Rollen angeboten. Ich war restlos unzufrieden mit mir und der Welt. Das hat sich erst geändert, als ich vor einigen Jahren Botschafterin der Vereinten Nationen wurde. Meine Reisen in die ärmsten Regionen der Welt und die damit verbundene Aufgabe, bedürftigen und kranken Menschen zu helfen, haben meinem Leben endlich Sinn gegeben. Es war eine Fügung des Schicksals - zumal ich dadurch auch meinem Adoptivsohn Maddox begegnet bin.
Was haben Sie empfunden, als Sie Maddox zum ersten Mal sahen?
Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Er lag in seiner Krippe und schlief, und als er die Augen öffnete und mich ansah, wusste ich sofort, dass uns etwas ganz Besonderes verbindet. Nie zuvor habe ich so intensiv für einen Menschen empfunden, noch dazu jemanden, den ich gar nicht kannte. Obwohl ich nicht seine leibliche Mutter bin, ist meine Liebe zu diesem Kind größer als zu jedem anderen Menschen in meinem Leben.
Wird Maddox Ihr einziges Adoptivkind bleiben?
Hoffentlich nicht. Ich werde alles daran setzen, um möglichst vielen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Es macht mich traurig zu sehen, wie viele Waisen in Heimen auf der ganzen Welt täglich darauf hoffen, dass sie eine neue Familie finden. Kinder brauchen Liebe, in Heimen bekommen sie davon zu wenig. Deshalb liegt einer der Schwerpunkte meiner Arbeit für die Vereinten Nationen darin, mehr Menschen für Adoptionen zu interessieren. Außerdem setze ich mich dafür ein, das Adoptionsrecht in jenen Ländern zu lockern, in denen die Gesetze zu kompliziert sind. Ich weiß, wovon ich rede, denn als allein erziehende Mutter, die ein Kind adoptieren möchte, hat man schlechte Karten. Aber ich gebe nicht auf. Maddox wird hoffentlich noch viele Geschwister bekommen.
Sie können Ihrem Sohn eine behütete Kindheit bieten. Hat er noch einen Bezug zu seiner Heimat Kambodscha?
Ja, ich habe dort ein Haus gekauft, in dem wir so oft wie möglich sind. Ich finde es wichtig, dass Maddox nicht vergisst, aus welchem Kulturkreis er stammt. Damit das nicht passiert, habe ich in Kambodscha das ?Maddox-Jolie Project" ins Leben gerufen. Gemeinsam mit den Behörden vor Ort kämpft die Stiftung gegen Wilderer, die bedrohte Tierarten abschlachten. Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass endlich die Landminen verstärkt geräumt werden.
Können Sie sich ein Leben ohne Rampenlicht und Kameras vorstellen?
Nein, dafür bin ich viel zu unruhig. Ich muss ständig auf Achse sein. Allerdings habe ich schon mal mit dem Gedanken gespielt, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen, um nur noch als UN-Botschafterin zu arbeiten. Genug Geld habe ich ja verdient. Und was hindert Sie daran? Die Tatsache, dass ich irgendwann beschlossen habe, weiter Filme zu drehen, solange ich dafür Gagen in Millionenhöhe kassiere. Das Geld kann ich nämlich prima gebrauchen - für meine Stiftungen und die Arbeit in den ärmsten Ländern der Welt. Außerdem ist mein so genannter Prominentenstatus ungemein hilfreich, in der Öffentlichkeit mehr Bewusstsein für die Probleme in der Dritten Welt zu schaffen. Selbst Brad Pitt konnte ich davon überzeugen, sich für soziale Belange in Afrika zu engagieren.
Interview: Andreas Renner
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