Joy, Februar 2005
Hilfsprojekte sind ihr wichtiger als Hoolywood-Glanz. Angelina Jolie (29) über ihre Träume, Missverständnisse, ihr Tiger-Tattoo und Brad Pitt
Sie sind fast ständig unterwegs. Entweder für Ihre Filme oder für die UN, für die Sie als Ehrenbotschafterin arbeiten. Sudan, Thailand, Kambodscha, London, New York - macht Ihnen das viele Reisen eigentlich nichts aus?
ANGELINA JOLIE: Nein, ganz im Gegenteil. Zum ersten Mal liebe ich mein Leben, weil ich das Gefühl habe, es allmählich zu verstehen. Es ist zwar immer noch verrückt, aber ich habe mich besser unter Kontrolle als früher. Wie jeder andere Mensch quälte ich mich durch eine Phase, in der ich nach dem Sinn meines Lebens suchte, in der ich mich nicht nützlich fand. Das hat viel mit Ruhm zu tun. Der kann reines Gift sein. Er ist aber auch sehr nützlich, wenn man ihn richtig einzusetzen weiß.
Sie sind eine mutige Frau, reisen in gefährliche Länder, um international auf die Not der Menschen aufmerksam zu machen, um Menschenleben zu retten. Für ein Naturreservat in Kambodscha haben Sie fünf Millionen Dollar gespendet. Mit einer weiteren Spende lassen Sie jetzt in Sri Lanka ein Krankenhaus bauen...
ANGELINA JOLIE: Jeder, der sich mit mir identifizieren will und ein bisschen verrückt ist, sollte wissen, dass ich es kapiert habe: Geh raus aus deiner Umgebung, lerne die Welt kennen, lerne dazu, tue was für andere Menschen! Und ich hoffe, noch mehr geben zu können. Wenn man wie ich zehn Millionen Dollar für einen Film bekommt, kann man leicht fünf Millionen spenden, ohne dass man das Geld wirklich vermisst.
Stimmt es, dass Sie mittlerweile selbst fliegen?
ANGELINA JOLIE: Ja, im August bin ich zum ersten Mal solo geflogen. Ich war noch nie zuvor mit irgendetwas so vorsichtig wie mit der Fliegerei. Es ist das Härteste, was ich bisher in meinem Leben versucht habe. Einen Flugschein zu machen dauert lange. Man muss viel lernen: Mathematik, Navigation, Meteorologie, dazu kommen viele, viele Flugstunden. Und gleichzeitig Prüfungen in England und Amerika. In Amerika braucht man nur einen Test, in England dagegen acht. Maddox liebt das Fliegen, er ist kaum aus dem Flugzeug rauszubekommen. Neulich sind wir in New York gelandet, und das Erste, was er sagte, war: ?Mehr, Mama!"
Was ist der Reiz am Fliegen?
ANGELINA JOLIE: Man sagt, Fliegen sei besser als Sex. Auf mich trifft das auf jeden Fall zu. Es ist einfach so, fragen Sie nicht weiter.
Warum ist es wichtig für Sie, ein eigenes Flugzeug zu besitzen und es selbst fliegen zu können?
ANGELINA JOLIE: Ich wollte einfach in irgendetwas konkrete Fachkenntnisse besitzen, um mich wirklich nützlich machen zu können. Da kam ich eben auf die Idee, den Flugschein zu machen. Jetzt bin ich dazu in der Lage, Menschen in Krankenhäuser zu fliegen, Krebskranke oder Verletzte, die ihre Beine oder Arme verloren haben. Ich könnte auch Essen transportieren. Das Fliegen empfinde ich als etwas, womit ich Menschen wirklich helfen kann.
Was tun Sie für sich selbst?
ANGELINA JOLIE: Gar nichts. Ich gehe nicht shoppen. Ich mache weder Yoga noch Sport. Erst neulich wurde mir klar, dass ich nur Leute kenne, die mit meinem Job zu tun haben. Ich treffe mich auch nicht mit Freunden. Das war mir vorher gar nicht so bewusst. Ich konzentriere mich ganz auf meinen Sohn. Deswegen habe ich nur Liebhaber und keinen festen Freund. Ich selbst bin ohne Vater (Schauspieler Jon Voight ließ sich scheiden, als Angelina drei Jahre alt war.) aufgewachsen, vielleicht habe ich deshalb nicht das Bedürfnis, einen Mann in meinem Leben zu haben. Ich komme gut ohne einen festen Partner aus. Allerdings muss ich aufpassen, dass ich in dieser Hinsicht nicht zu eigenständig werde.
Wie stehen Sie zur Ehe?
ANGELINA JOLIE: Als ich das erste Mal geheiratet habe, war ich sehr jung. Erst 21. Ich wollte verheiratet und seine Frau sein. Ich wollte wissen, was Ehe bedeutet, und nicht nur eine Freund-Freundin-Beziehung haben. Es war eine großartige Erfahrung für Jonny Lee Miller und mich. Aber nach vier Jahren hatten wir uns leider auseinander gelebt. Billy Bob Thornton, mein zweiter Mann, und ich waren uns unglaublich ähnlich. Ähnlich zerbrechlich, wild und sensibel. Billy ist ein echter Exzentriker, er ist völlig er selbst. Wir werden immer Freunde bleiben. Im Moment kann ich mir allerdings nicht vorstellen, in nächster Zeit wieder zu heiraten. In mir lodert ein Feuer - und das müsste erst ein bisschen weniger werden. Meine beiden Ehen haben auch deshalb nicht funktioniert, weil ich nie die innere Ruhe fand, einfach zu Hause zu bleiben und meine Beziehung und mein Leben zu genießen.
In Ihrem nächsten Film, ?Mr & Mrs Smith", spielen Sie und Brad Pitt ein Ehepaar. Welcher Typ Ehefrau sind Sie da?
ANGELINA JOLIE: Eine kleine Hausfrau. Total psychotisch, was den Haushalt betrifft, mit den richtigen Vorhängen und dem ganzen spießigen Drumherum. Brad ist ein braver Ehemann, der den Rasen mäht. Wir sind seit ein paar Jahren verheiratet aber die Ehe funktioniert nicht. Wir streiten uns sogar darüber, wie lange wir verheiratet sind. Der eine sagt fünf Jahre, der andere sechs. Bis uns endlich klar wird, dass wir ein Geheimnis voreinander haben, das der Zuschauer allerdings schon lange kennt: Wir sind nämlich beide Auftragskiller und müssen uns gegenseitig umbringen!
Und, sind Sie nun der Grund für das Ehe-Aus von Brad Pitt und Jennifer Aniston?
ANGELINA JOLIE: Nein, ich lasse mich nicht mit verheirateten Männern ein. Ich habe meine zwei Liebhaber und brauche keinen Brad.
Und was sagen Sie zu den Gerüchten mit Colin Farrell?
ANGELINA JOLIE: Da war nichts. Allerdings sind wir uns sehr nahe. Wir haben das gleiche Sternzeichen - Zwillinge. Der Grund, warum Colin und ich kein Paar geworden sind, ist der, dass wir die gleiche Persönlichkeit haben. Keiner von uns könnte den anderen auf dem Boden halten. Wir sind beide zu verrückt.
Über welche Missverständnisse, die Ihre Person betreffen, ärgern Sie sich am meisten?
ANGELINA JOLIE: Dass manche behaupten, ich sei nicht klug und nicht klar im Kopf. Man stempelt mich gerne als wild, schlecht, verrückt oder eigenartig ab. Aber ich bin viel sanfter, als viele denken. Ich bin eine weiche Frau. Klar, ich war in meinem Leben oft leichtfertig und tollkühn. Aber wenn ich rebellierte, hatte das immer einen Grund. Ich wollte weder schockieren noch irritieren, ich war nur immer ehrlich und habe mitgeteilt, was ich empfinde. Zum Beispiel, als ich mich vor ein paar Jahren in eine Frau verliebte und versucht habe zu erklären, wie man sich dabei fühlt, wie interessant und wunderschön es sein kann. Tatsächlich bin ich genau das Gegenteil von unberechenbar. Meine Mutter sagt, bei mir habe man immer den Eindruck, dass ich Entscheidungen über Nacht treffe. Dabei habe ich meistens schon jahrelang von dieser Sache geredet.
Wo ist Ihr Zuhause?
ANGELINA JOLIE: Ich habe ein Haus in London, ein Büro in New York und eine Hütte in Kambodscha. Für meinen Sohn Maddox werde ich jetzt auch die kambodschanische Staatsbürgerschaft annehmen.
Wie stehen Sie zu Mode? Ist Mode wichtig, und haben Sie einen Lieblingsdesigner?
ANGELINA JOLIE: Nein (lacht). Deswegen passieren mir wohl manchmal auch modische Unfälle, wie man so sagt. Bei der Oscar-Verleihung 2000 dachte ich mir, ich habe schwarze Haare, also trage ich ein schwarzes Kleid. Es war das einzige schwarze Kleid an dem Abend. Und plötzlich machte das Schlagzeilen. MUSS man über so was wirklich nachdenken? Designer sind offenbar der Meinung, dass ich schwarzes Leder liebe. Bei einem Fotoshoot wurden einmal die vorgesehenen Klamotten mit denen einer anderen Schauspielerin verwechselt. Ich bekam eine Schachtel mit Blümchenkleidern und sie den Karton mit schwarzem Leder. Ich dachte mir, warum nicht mal was anderes. Aber schwarzes Leder ist mir lieber.
Was bedeutet Ihr neuestes Tattoo, ein Tiger, der von Ihren Schultern bis zu Ihrem Po reicht?
ANGELINA JOLIE: Den Tiger hat mir ein buddhistischer Mönch gestochen, dem ich völlig vertraut habe. Ich erzählte ihm von meinen Projekten in Asien und was ich mit der buddhistischen Erziehung meines Sohnes vorhabe. Ich wusste nicht, was auf meinem Rücken passiert. Es war zeitweise sehr schmerzhaft. Der Tiger verdeckt jetzt ein kleines Fenster, das ich vorher dort tätowiert hatte. Seit ich ein kleines Mädchen war, habe ich aus Fenstern gestarrt, weil ich immer woanders sein wollte. Sogar an meinen Hochzeitstagen, während meiner beiden Ehen oder nach einer wichtigen Filmszene habe ich aus dem Fenster geblickt und mir gedacht: ?Da draußen muss doch noch etwas anderes sein." Dieses Fenster ist nun von dem Tiger verdeckt, weil ich endlich durch das Fenster gestiegen bin - mitten ins Leben hinein. Und jetzt starre ich in den Himmel und träume vom Fliegen...
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