Amica, Juni 2001
Erst als sie anfing, von den Rasierklingen zu sprechen, begann ich jene Angelina Jolie zu sehen, die ständig Grenzen durchbricht. Die Angelina Jolie, die gesagt hatte: "Man ist jung, man ist besoffen, man liegt im Bett, man hat ein Messer, das kann schon mal dumm ausgehen." Die bei der Oscarverleihung vergangenes Jahr ihren Bruder auf den Mund geküsst hatte und bei ihrer Dankesrede für den Preis als beste Schauspielerin (für ihre Rolle in "Durchgeknallt") aller Welt verriet, dass sie in ihn verliebt sei. Die junge Frau, die in dem bequemen Sessel in meinem Arbeitszimmer saß, war die Nettigkeit in Person, sprach über ihren neuen Film "Tomb Raider" (ab 28. Juni im Kino), über ihren Vater, den Schauspieler Jon Voight, über Essen, das sie gern mag, über Filme, die sie gern sieht. Doch dann fragte ich sie nach ihrem Mann, dem Drehbuchautor, Schauspieler und Regisseur Billy Bob Thomton, und es dauerte nicht lang, bis wir von der Feststellung, wie sehr sie ihn liebt, zu... ja, Rasierklingen kamen. Sie plante, drei Wochen nach West- und Ostafrika zu gehen, um sich dort als freiwillige UNO-Helferin für Flüchtlinge einzusetzen. Billy Bob musste allerdings zu Hause in Beverly Hills bleiben, um an seinen eigenen Projekten zu arbeiten. Was ihre Beziehung mit Billy Bob anging, hatte Angelina ein sicheres Gefühl - auch wenn er vorher bereits viermal verheiratet war und für seine Anziehungskraft auf schöne Frauen bekannt ist. Die Frau vor Angelina war Laura Dern. Sie dachte, er würde sie heiraten. Doch dann lernte Thornton Angelina Jolie kennen, verliebte sich, gab Laura Dern den Laufpass und schon war er mit seiner neuen Liebe auf dem Weg zu einer Blitzheirat in Las Vegas. Dass Abwesenheit den Reiz eines Menschen erhöhen kann, weiß Angelina natürlich. Allerdings ist ihr auch sehr deutlich bewusst, dass Hollywood einen auf blöde Gedanken bringen kann. Und falls eine Frau ihrem Mann zu nahe kommen sollte, während sie in Afrika ist... "Ich würde ihn windelweich schlagen", sagt sie, und ihre Zähne blitzen zwischen diesen berühmt-berüchtigten sinnlichen Lippen hervor.
Nachdem sie sich für die Rolle der Lara Croft in "Tomb Raider" einiges an Muskeln antrainiert hat, ist Angelina Jolie sicher, ihren Mann durchaus verprügeln zu können. Umbringen würde sie ihn allerdings nicht gerade, sagt sie; schließlich sei er Vater dreier Kinder und Kinder brauchen einen Vater. Aber sie würde ihn so übel zurichten, dass er sich wünschen würde, tot zu sein. Und dann... ja... dann kämen die Rasierklingen. "Ich habe ihm eins in aller Deutlichkeit klargemacht", sie sieht mich dabei mit zusammengekniffenen Augen an: "Wenn ich erfahren sollte, dass er mich betrügt, lege ich Rasierklingen ins Bett." Angelina lässt keine Zweifel daran, dass sie das wirklich tun würde; und weil sie bereit ist, es zu sagen, rechnet sie nicht damit, es tun zu müssen.
Die beiden haben eine ganz spezielle Beziehung. Aas seien sie zwei Hälften gewesen, die ein Ganzes wurden, als sie sich 1999 bei den Dreharbeiten zu "Turbulenzen- und andere Katastrophen" kennen lernten. "Wir brauchen uns gegenseitig, um zu überleben", sagt Jolie. Als würde ihr die Luft, die sie nachts atmet, nicht zum Leben reichen, wenn sie nicht die Gewissheit hätte, dass ihr Mann neben ihr dieselbe Luft atmet." Wir waren so lange traurig und allein, aber jetzt haben wir endlich den Richtigen beziehungsweise die Richtige gefunden." Wenn man sich diese körperlich komplett durchtrainierte Frau mit ihren muskulösen Armen, ihren Tattoos und ihrem auf eigenartige Weise hübschen Gesicht ansieht ("Ich halte mich nicht für hübsch. Ich halte mich nicht annähernd für vollkommen. Ich sehe eher etwas komisch aus"), fragt man sich fast zwangsläufig, was sie an dieser Vogelscheuche von einern Mann findet, den sie sich als ihre bessere Hälfte ausgesucht hat. Es ist fast ein wenig peinlich, wenn man sie in den höchsten Tönen von ihm schwärmen hört; wenn man in ihre intimsten Gedanken über den Mann eingeweiht wird, den sie liebt; wenn sie bereit ist, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, falls die Verletzlichkeit, die sie ausstrahlt, wieder die Oberhand über sie gewinnen sollte. "Ich mag die Art, wie er mit Leuten spricht, die Dinge, über die er lacht, die Art, wie er aussieht, die Art, wie er sich anzieht. Und einfach das Lächeln in seinen Augen, seinen Humor, seine Gedanken, wenn er über seine Arbeit spricht." Auch Thomton nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er über seine Gefühle für Jolie spricht. "Wir sind total verrückt nacheinander", sagt er. "Die meisten Leute möchten, dass die Zeit stehen bleibt, aber wir wollen, dass sie schneller vergeht, um schon fünf Jahre zusammen zu sein und diese gemeinsame Vergangenheit haben zu können."
"Bis ich ihn kennen gelernt habe, habe ich mich nie wirklich von einem anderen Menschen verstanden gefühlt - nicht einmal körperlich", fügt Jolie hinzu, als erkläre sie, warum ihr ein Pick-up lieber sei als ein zuzuschließen. "Er kennt meinen Körper. Er weiß Dinge, die ich nicht weiß und nie gewusst habe. Er hat mich einfach zum Leben erweckt. Ich will ihn ständig anfassen und in den Armen halten."
Als ich das höre, muss ich an etwas denken, das Sharon Stone einmal über Jolie gesagt hat. Wir hatten über die Auswirkungen des Ruhms gesprochen, und Stone sagte: "Wenn der Ruhm über Leute hereinbricht, die noch sehr jung sind, wissen sie nicht, dass sie davon aufgefressen werden; sie denken, sie werden davon genährt." Nachdern sie eine Reihe von Leuten aufgezählt hatte, die ihrer Meinung nach zu dieser Kategorie zählten, hielt sie kurz inne, um sich über eins der Tattoos von Angelina Jolie zu äußern, und zwar über das mit dem Text: "That which feeds me destroys me" - Was mich nährt, zerstört mich. Stone war davon schwer beeindruckt. "Können Sie sich vorstellen, was man in diesen Alter schon wissen muss, um sich so etwas machen zu lassen?" Jolie war 23, als sie sich diese Worte für immer in ihren Bauch ritzen ließ. Sie standen auf dem letzten Bild von Lord Byron und als Jolie sie las, war ihr sofort klar, dass sich diese Worte auf ihren eigenen Lebenshunger bezogen. "Das Verrückte daran, jung zu sein und im Scheinwerferlicht zu stehen, ist", sagt sie, "dass man manchmal aufgefordert wird, sich darüber zu äußern, wie man über bestimmte Dinge im Leben denkt oder empfindet, obwohl man noch dabei ist, sich über diese Dinge klar zu werden."
Und da sie ihre Klarheit noch keineswegs gefunden hat, empfindet sie sich selbst als rastlos, vor allem nachts. "Ich kann oft nicht schlafen. lch fühle mich nie behaglich oder rundrum zufrieden. So sehr ich die Schauspielerei mag - und ich liebe meinen Beruf, ich liebe das Leben -, manchmal bringt dich der Wahnsinn, den du in dir spürst, um; aber genau das ist es auch, was einen am Leben hält. Ich glaube nicht, dass man von etwas zerstört werden kann, das man nicht liebt." Eine andere Tätowierung, auf ihrem Unterarm, ist eine Zeile von Tennessee Williams. "A prayer for the wild at heart, kept in cages" - Ein Gebet für die Wilden im Herzen. die in Käfigen gehalten werden. Diese Worte will sie immer nah bei sich haben, "um erinnert zu werden an die Dinge, die wichtig für einen sind". Ihre Tattoos sind ihr Schmuck, obwohl sie sich vor nicht allzu langer Zeit eines, das auf Japanisch "Tod" bedeutete, von ihrer Schulter entfernen ließ, weil die Leute sie ständig danach fragten und ihre Antwort nicht verstanden. "Es war, weil wir alle schon morgen sterben könnten und deshalb heute leben sollten. Ich habe keine Angst vor dem Tod und ich halte ihn nicht für etwas Hässliches oder Beängstigendes."
Diese Furchtlosigkeit war es, die ihr ermöglichte, der Kunstfigur Lara Croft Leben einzuhauchen. Paramount Pictures erhofft sich von dem Film "Tomb Raider" den ganz großen Kassenerfolg dieses Sommers. Der Film beruht auf der beliebtesten Computerspiel-Figur aller Zeiten. Als "virtueller Star" ist Lara Croft bisher weltweit auf über 200 Zeitschriftentiteln erschienen. Außerdern ist sie Gegenstand von über 1000 Internet-Fanseiten und das einzige nicht menschliche Wesen, das vom US-Magazin "Details" zur "Sexiest Woman of the Year" gekürt wurde. Um sich für ihre Rolle, eine Mischung aus James Bond und Indiana Jones, in Form zu bringen, lernte Jolie Boxen, mit einem Schwert zu kämpfen, beidhändiges Schießen, Speerwerfen, Motorradfahren und Bungeejumping. Sie musste bei einern Rennen über einen isländischen Gletscher ein Schlittenhundegespann lenken, sich durch den kambodschanischen Dschungel kämpfen und in England gegen einen mordgierigen Druiden antreten. "Körperlich war diese Rolle eine ungeheure Herausforderung", erzählt sie, wenn sie an die dreimonatige Vorbereitungszeit für die Rolle zurückdenkt. "Ich habe mir Sehnenzerrungen und Verbrennungen zugezogen. Aber ich bekam dadurch auch ein neues, intensiveres Verhältnis zu meinern Körper. Ich lernte neue Fertigkeiten und eine bestimmte militärische Grundeinstelzung. Ich lernte, wie man mit Schusswaffen umgeht, wie man sie auseinander nimmt und wieder zusammenbaut. Das passierte natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, aber ich veränderte mich sehr stark. Sogar mein Akzent wurde anders."
Bei ihrer Geburt im Jahr 1975 war ihr Vater Jon Voight bereits ein Star. Nachdern er 1967 in "Die fünf Geächteten" seine erste Rolle in einern Kinofilm hatte, wurden er und Dustin Hoffman zwei Jahre später für ihre Rollen in "Asphalt-Cowboy" für den Oscar nominiert. 1979 gewann er für seine Rolle als doppelseitig gelähmter Vietnamveteran an Jane Fondas Seite in "Coming Home - Sie kehren heim" den Oscar. Angelina war damals vier Jahre alt, ihr Bruder James sieben. Ihre frühen Erinnerungen an ihren Vater sind etwas verschwommen, weil er die Familie schon zwei Jahre nach ihrer Geburt verließ. "Aber ich kann mich an keine Phase meines Lebens reinem, in der mein Vater nicht dagewesen wäre, wenn ich ihn brauchte", sagt Jolie. "Und das ist das Einzige, was zählt." In "Tomb Raider" spielt Jon Voight ihren Vater, den Forschungsreisenden Lord Croft. Während der Dreharbeiten unterhielten sich die beiden oft nächtelang über Schauspielerei, Geschichte, Kunst, Musik und Philosophie: über dieselben Dinge, über die Voight mit ihr zu sprechen versuchte, als sie noch klein war. "Ich weiß noch, wie er mir von Yogananda oder Gandhi zu erzählen versuchte, aber ich war zu jung, um etwas damit anfangen zu können." Im Alter von sieben Jahren gab Jolie ihr Leinwanddebüt in "Der Zocker": bei dem ihr Vater als Co-Autor und Co-Produzent firmierte. Ihre Mutter, die ehemalige Schauspielerin Marcheline Bertrand, wurde ihre Vertraute. "Ich war die Freundin meiner Mutter. Deshalb konnte ich über vieles mit ihr sprechen", sagt Jolie über ihre Jugend. Sie lebten damals zunächst in New York und dann in Los Angeles. Mit 14 hatte sie sich in einen älteren Jungen verliebt. Er zog sich an wie ein Punk, was sie ganz toll fand, und sie schlug ihm vor, zu ihr zu ziehen und mit ihr bei ihrer Mutter und ihrem Bruder zu wohnen.
Während die meisten Mütter halbwüchsiger Tochter eine so enge sexuelle Beziehung wohl kaum gutheißen würden, vertrat Jolies Mutter, eine strenggläubige Katholikin, eine andere Ansicht. Besser, sie wusste, was ihre Tochter trieb, als dass sie nachts heimlich aus dem Haus schlich und alles hinter ihrem Rücken machte. "Meine Mutter war sehr clever", sagt Jolie mit einem gewissen Stolz. "Ich hätte mich weiß Gott wo rumtreiben können, aber als sie ihn bei uns wohnen ließ, taten wir Dinge, wie die Wohnung sauber zu machen; ich half im Haushalt mit. Ich führte mit 14 das Leben einer verheirateten Frau." Zwei Jahre später wurde es Zeit für eine Scheidung. Angelina wollte wieder ihre Freiheit. Sie wollte etwas Neues ausprobieren. Wenn sie zu ihrer Mutter kam, urn mit ihr über ihre Zukunft zu sprechen, sagte diese immer zu ihr: "Lass mich dein Innerstes sehen. Was fühlst du? Was denkst du? Was machst du?" Das waren Techniken aus der Schauspielerei: in sich hineinzublicken, um sich ausdrücken zu können. Fragen, die Jolie zu stellen lernte, als sie mit elf am Lee Strasberg Theater Institute Schauspielunterricht zu nehmen begann. Was Jolie vor Augen schwebte, war der Beruf ihres Vaters.
1995 spielte sie in dem Thriller "Hackers", bei dem sie ihren Co-Star Jonny Lee Miller kennen und lieben lernte. Sie war zu diesern Zeitpunkt 19, und mit 20 waren sie verheiratet. An ihrem Hochzeitstag trug sie rubber pants und ein weißes Hernd, auf das sie den Namen ihres Mannes buchstabiert hatte - mit ihrem Blut. Wegen ihrer Karriere und wegen der Gefühle, die sie für jemand anderen empfand, wollte sie ihre Ehe beenden. Sie erklärte sich bereit, für HBO die Rolle Gia Carangis zu spielen, eines lesbischen, drogensüchtigen Supermodels, das an Aids gestorben war. Und bevor sie "Gia" zu drehen begannen, stellte sie fest, dass sie sich körperlich von einer anderen Frau angezogen fühlte. "Ich war damals 20. Meine Ehe ging in die Brüche und ich verliebte mich in eine Frau. Ich achtete plötzlich darauf, wie ihr Pullover und ihre Hose saßen, und dann merkte ich, O Gott, das darf doch nicht wahr sein!" Diese Beziehung war jedoch nicht von Dauer und sie sagt, seitdem hat es keine anderen Frauen mehr in ihrem Leben gegeben. Inzwischen macht sie Witze darüber, dass sie sicher lesbisch wäre, wenn Billy Bob eine Frau wäre.
Obwohl die beiden ein gefundenes Fressen für Klatschkolumnisten sind, die beharrlich vorhersagen, dass ihre Ehe nicht halten wird, glaubt Jolie, dass ihre Ehe im Hollywood-Himmel geschlossen wurde. Ihr Mann kann über die Spekulationen einer bevorstehenden Trennung nur lachen. "Wir sind so ziernlich die Leute mit den schlechtesten Erfolgsaussichten und trotzdern werden wir es schaffen." Wie seine Frau spricht auch Thornton gern über ihre Beziehung. "Die Leute dachten: "O Mann, sind die beiden verrückt geworden? Das hält doch höchstens eine Woche." Aber wenn man es sich genauer überlegt: Vielleicht ist es gut, zwei Verrückte zusammenzustecken. Wir mögen beide Menschen, wir möchten beide gemocht werden, aber wir hatten uns jahrelang eine raue Schale zugelegt; wir rauchten, tranken, ließen uns tätowieren. Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet, spirituell und physisch. Wir haben zu rauchen aufgehört, wir haben zu trinken aufgehört, nur tätowieren lassen wir uns immer noch."
Was sollen wir also von dieser unkonventionellen, freimütigen, zweimal verheirateten, mit dem Oscar prämierten, tätowierten Schauspielerin halten, die behauptet, bei den Dreharbeiten zu "Tomb Raider" in Europa ein Erweckungserlebnis gehabt zu haben, als sie zurn ersten Mal von den Problemen auf dieser Welt erfuhr, von den brutalen Morden in Kambodscha unter dem Pol-Pot-Regime, vom Elend der Flüchtlinge in Sierra Leone, von der Not der Waisenkinder in Asien, Südamerika und Afrika, die verzweifelt auf der Suche nach einem Zuhause sind? "Als ich von diesen Dingen erfuhr, konnte ich einfach nicht mehr aufhören zu weinen", sagt sie. Und deshalb hat sie sich an den Flüchtlingskommissar der UNO gewandt und gefragt, was sie tun könnte. Sie haben sie als Angelina Jolie nach Afrika geschickt, um sich vor Ort ein Bild vom Umfang und Ernst des Problems zu machen. Doch wenn sie das nächste Mal nach Afrika reist, wird sie es als Lara Croft tun. Das öffentliche Interesse wird dann größer sein, die Politiker werden stärker an Fototerminen interessiert sein, und wahrscheinlich wird sie damit drohen, einigen Leuten ganz gewaltig in den Hintern zu treten, wenn den Waisen und Flüchtlingen nicht geholfen wird.
Alex Michaels
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