MAX online, Juni 2000
Spätestens seit ihrem Oscar für "Durchgeknallt" ist Angelina Jolie in aller Munde. Die 25-jährige Schauspielerin hat das Zeug zum Superstar: Sie ist schön, begabt und unglaublich sexy.
Diese Unterlippe! Im Mittelalter hätte man Angelina Jolie vermutlich allein deswegen verbrannt. Das ist kein Mund, das ist ein jugendgefährdendes Trotz- und Spottorgan, das sie so herausfordernd vorschieben kann, dass man ihr am liebsten eine kleben möchte. Bestimmt ist sie ein Biest.
In Hollywood hat das schöne Luder soeben einen Oscar bekommen. Für die beste Nebenrolle: Als abgebrühte Göre Lisa spielt Angelina Jolie in dem Drama "Durchgeknallt" (ab 15. Juni im Kino) das Rehlein Winona Ryder glatt an die Wand. "The best bad girl in movies today" schrieb das amerikanische Magazin Esquire begeistert, das beste böse Mädchen des Kinos ? und musste dann bei der Oscar-Verleihung schockiert miterleben, wie die 25-jährige Schauspielerin ihren Bruder James derart abknutschte, dass man das Schlimmste zu befürchten hatte. "Wie nahe stehen Sie Ihrem Bruder eigentlich?" fragte ein Journalist nach der Show leicht pikiert. Doch Angelina stellte sich dumm: "Ach Gott", sagte sie mit treuherzigem Blick, "vielleicht liegt es daran, dass wir Scheidungskinder sind. Er und ich sind immer die besten Freunde gewesen. Er ist der süßeste Mensch, den ich kenne."
So zurückhaltend ist die Tochter von Schauspieler Jon Voight ("Staatsfeind Nr. 1", "Heat") selten. Angelina Jolie gibt sich gern verrucht und erzählt freimütig von ihren Abenteuern mit SM oder mit Frauen ("Ich bin nicht lesbisch, aber sexuell aufgeschlossen."), von ihrer Vorliebe für scharfe Messer ("Ich werfe schon lange keine Klingen mehr und habe auch aufgehört, mich selbst anzuritzen."), für Beerdigungen ("Das Hinübergleiten nach dem Tode kann doch wunderbar sein.") und natürlich für Tattoos. Davon kann sie nicht genug kriegen. Ein Drachen hier, ein japanisches Schriftzeichen dort, auf dem Rücken ein Fenster, über dem Po ein Flügel. Irgendwo soll es auch ein "H" geben, das für Timothy Hutton steht, mit dem Angelina nach ihrer ersten Ehe mit dem Schauspieler Jonny Lee Miller zusammen war. Anfang Mai heiratete sie zum nun zweiten Mal: den Schauspieler und Regisseur Billy Bob Thornton, 44, mit dem sie sich erst seit ein paar Monaten getroffen hatte. Nach der Spontan-Zeremonie in Las Vegas kam heraus: Jolie trägt auch schon ein Tattoo "Billy Bob".
Doch am schönsten sind die Sprüche: "A prayer for the wild at heart, kept in cages" ("ein Gebet für die Ungestümen, die gezähmt wurden") steht auf ihrem linken Arm und ist ein Zitat von Tennessee Williams. Und quer über ihren Bauch zieht sich der Satz: "Quod me nutrit me destruit" ("Was mich nährt, das zerstört mich"). Derlei Gedankengut bezieht Angelina aus dem Buch "The Most Brillant Thoughts of All Time", ohne das sie das Haus nicht verlässt. "Ich brauche Sprichworte. Nicht nur für mich, sondern vor allem für die Figuren, die ich spiele. Ich muss sie gut behandeln, weil sie ein Teil von mir werden. Wie wäre es damit: Wenn du dich ertränken willst, quäle dich nicht in flachem Wasser herum. Bulgarische Redensart!"
Offenbar helfen die klugen Sprüche: Angelina Jolie ist auf dem Weg nach ganz oben. Schon vergleicht man sie mit Sophia Loren (wegen der sinnlichen Ausstrahlung), mit Audrey Hepburn (wegen der dunklen, traurigen Augen), mit Julia Roberts (weswegen eigentlich?), sogar mit James Dean (wegen der aufmüpfigen Art) ? und überhäuft sie mit Angeboten. Allein in diesem Jahr ist sie viermal auf der Leinwand zu sehen: Nach dem Thriller "Der Knochenjäger" mit Denzel Washington und der Komödie "Turbulenzen und andere Katastrophen" mit John Cusack laufen nun "Durchgeknallt" und im Sommer der Action-Film "Gone in 60 Seconds" mit Nicolas Cage.
Und sie dreht schon wieder: In der Verfilmung des Computerspiels "Tomb Raider" ist Jolie die virtuelle Heldin Lara Croft. Schon wieder so ein Biest!
Elke Serwe
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