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Start Interviews Die Frau ist ein Horrorfilm

Die Frau ist ein Horrorfilm

movieda, September 2000
 

"Ich weiß, dass ich für meine Arbeit Verantwortung zeigen muss. Mein Privatleben, egal wie es interpretiert wird, ist jedoch meine Sache. Ich bin nicht verantwortlich, ein Privatleben zu haben, mit dem jeder einverstanden ist."
 

Angelina Jolie lutscht in Dominic Senas 'Gone In 60 Seconds' vergnügt an Giovanni Ribisis Finger und für kurze Zeit erwartet man, dass sie reihum alle Männerfinger ableckt, bis sie schließlich von der Leinwand ins Kino herabsteigt und es dort auch tut. Alle fühlen sich persönlich von ihrem Sex-Appeal angesprochen. Angeblich würden die meisten Frauen für ein messerscharfes Abenteuer mit Angelina ihr Hetero-Dasein unterbrechen. Dabei ist ihre Sexualität alles andere als subtil. Sie kokettiert nicht mit ihren Reizen. Angelina ist Exhibitionistin. Überall plärrt sie : "SEX, SEX, SEX!"

Nun ja, sind wir nicht alle Voyeure? Welche Brüste sind falsch, wer mit wem und wo, und was macht Sharon Stone in der Badewanne - das Schönste an der voyeuristischen Neugier ist die Phantasie. Und genau die greift bei Profi-Bitch Jolie überhaupt nicht. Zwischen den expliziten Schilderungen ihres morbid-exzessiven Lifestyles bleibt kein Platz für die eigene Phantasie. In-Your-Face - das ist Angelina. Seit ihrer Blitzehe mit dem knapp 20 Jahre älteren Regisseur/Darsteller Billy Bob Thornton ist ihr Sex-Talk noch unangenehmer geworden. Ein bisschen lächerlich sogar. Trotzdem saugt die Presse gierig jede neue saftige Jolie-Geschichte auf. "Abschalten!", wollen wir schreien, starren aber mit gespreizter Hand vor Augen weiter auf das Horror-Phänomen Jolie.
 

Soweit zu ihrer Wirkung. Aber wie sieht die Person hinter diesen ganzen Oberflächlichkeiten aus? Aus welchem Grund erzählt eine anerkannte, oscar-gekrönte Darstellerin der ganzen Welt, wie lang der Penis ihres Ehemannes ist? Diese Eigen-PR hat Jolie gar nicht mehr nötig. Schon längst hat sie Hollywood für sich eingenommen (und das Kinopublikum erst recht). Ihr selbst-deklariertes Bad-Girl-Image sitzt.
 

Mittlerweile kennt jeder ihre verschiedenen Tatoos, ihr Faible für Messer, ihre Bi-Sexualität. Sie liebt Schlangen, die Farbe Schwarz, Motorräder und ihren Bruder James Haven, mit dem ihr ein besonders findiger Mensch ein inzestuöses Verhältnis angedichtet hat. Jolie dazu: "Das witzige an der Sache ist, dass ich es sofort sagen würde, wenn ich tatsächlich was mit ihm hätte. Das weiß doch jeder." Ja, das würde sie wahrscheinlich wirklich. Aber wer will das wissen? Interessant ist eher, dass die 25jährige Jolie nicht nur eine brillante Schauspielerin ist, sondern eine intelligente Frau, die dem Leben alles abverlangt, was es zu bieten hat.
 

Dass ihr Leben alles andere als "normal" begann, ist verständlich. Ihr Vater ist Jon Voight ('Heat'). Angelina war vier, als er 1979 für 'Coming Home - Sie kehren heim' den Oscar bekam. Mit sieben Jahren stand sie zusammen mit Voight für 'Zwei in der Tinte' vor der Kamera. Das Verhältnis zwischen den beiden war schon immer etwas gespalten. "Er ist das beste Beispiel für einen Künstler, der nicht verheiratet sein konnte. Er hatte die perfekte Familie, aber irgendwie hatte er genau davor Angst", sagt Angelina, die den Namen ihres Vaters bewusst abgelegt hat.
 

Die Scheidung ihrer Eltern stürzte sie in tiefe Depressionen. Sie begann, sich mit Klingen und Messern selbst weh zu tun. Ihre Faszination für Masochismus, Blut, Tod und Ewigkeit ist geblieben. Als sie mit 20 ihren Co-Darsteller Jonny Lee Miller ('Trainspotting - Neue Helden') aus 'Hackers' heiratete, ritzte sie sich die Adern auf und schrieb mit dem Blut den Namen ihres Ehemannes auf ihr weißes T-Shirt. Doch sie ist nicht nur die Frau, die sogar das dekadente Hollywood mit ihren krassen Aktionen schockt. Sie ist vor allem eins: ein Profi. Mit elf Jahren schrieb sie sich am Lee Strasberg Institute ein. Fünf Jahre später arbeitete sie als Model. Kein Wunder - bereits mit sechzehn war sie sensationell attraktiv. So kann man sie beispielsweise in Musikvideos von Meat Loaf, den Rolling Stones und Lenny Kravitz sehen.

Sechzehn war sie auch, als sie von Zuhause auszog. Ihr Appartment lag nicht weit von dem ihrer Mutter, der Schauspielerin Marcheline Bertrand, entfernt. Dennoch unterstreicht dieses frühe Sich-Abkapseln Jolies Gier nach Freiheit und Selbst-Bestimmung. 1995 bekam sie ihre erste Hauptrolle in 'Hackers' und, wie schon gesagt, ihren ersten Ehemann gleich dazu. Mit 20 heiratete sie also "den zweiten Mann, mit dem ich zusammen war". Diese Worte von Jolie, die non-chalant bemerkte, wie "langweilig der Sex mit 14" doch war.

Als 150%-Mensch steht Jolie nie still. Sie arbeitet unaufhörlich. 1996 drehte sie drei Filme: 'Mojave Moon', 'Foxfire' und 'Love Is All There Is'. Ein Jahr später spielte sie an der Seite von Steppenwolf-Schauspieler Gary Sinise in John Frankenheimers Fernsehproduktion 'George Wallace' und erhielt dafür einen Golden Globe.
 

Die Rolle, die sie endgültig zum Star machte und ihr einen weiteren Golden Globe einbrachte, hatte sie vier Mal abgelehnt, aus Angst, dass sie sie zerstören würde. Doch die Figur des heroinabhängigen, lesbischen Models Gia Carangi ließ quasi niemand anderen zu. Angelina akzeptierte und behielt recht - 'Gia' raubte ihr alle Kraft. Sie zog sich von ihrem Mann zurück, verlor den Kontakt zu ihren Freunden und den Boden unter den Füßen. "Ich fühlte mich niedergeschlagen, besiegt. Ich war kein guter Mensch. Ich fühlte mich schlecht", erinnert sich Jolie. Irgendwann war die Distanz zwischen Miller und ihr unüberbrückbar geworden, sie trennten sich. Jolie schob die Schauspielerei beiseite, zog nach New York und ging auf die Filmschule der Universität.
 

Diese Auszeit hat ihr offensichtlich sehr gut getan. Mit 22 Jahren die Handbremse zu ziehen, um nicht am schnellen, intensiven Leben zugrunde zu gehen, ist nicht einfach (und nicht "normal"). Angelina, deren Gestik, Worte und Handlungen ein lautes Lust for Life! formulieren, hat es geschafft. Die Wenigsten würden sie allerdings als lebensbejahende Frau bezeichnen.

Zu ihren Fetischen gehören nicht nur ihre Tatoos und Messer, sondern auch der Tod. Diesen scheinbaren Widerspruch hebt Jolie auf: "Ich bin eigentlich nicht morbider als andere Menschen. Warum ich trotzdem mehr über den Tod nachdenke? Ich liebe das Leben vielleicht einfach mehr als diese Leute." Wer schon mal die schwere Melancholie empfunden hat, die sich in Augenblicken des absoluten Glücks breit macht, weiß wovon sie spricht. Es ist die Angst, dass alles schlagartig vorbei sein könnte. Noch sieht alles sehr rosig aus für Angelina. Ihre großartige Peformance als 'Gia' zog eine Flut von Rollenangeboten nach sich. In 'Leben und Lieben in L.A.' (womit Jolie sich ja bestens auskennt) spielte sie mit Gena Rowlands, Sean Connery, Gillian Anderson, Dennis Quaid, Madeleine Stowe und Anthony Edwards. 1999 drehte sie mit Denzel Washington 'Der Knochenjäger'. Der Film, wenn schon einer der weniger exzellenten Washington-Filme, erlaubte ihr, in dunklen feuchten Gewölben herumzuklettern und mit unappetitlich zurechtgemachten Leichen zu hantieren. Als mausgraue Polizistin im Overall war sie dabei sexier als Baywatch-Kolleginnen im Mikro-Bikini. Das hat sich vermutlich auch Billy Bob Thornton gedacht, dessen Schlampen-Ehefrau sie in 'Pushing Tin' spielte. Der Mike-Newell-Film mit dem unsinnigen deutschen Titel 'Turbulenzen - und andere Katastrophen' führte zur Vermählung zweier Hardcore-Liebender, die in Hollywood eine Art Hassliebe ausgelöst haben.

Immerhin können sich Billy Bob und Angelina gegenseitig gratulieren, Top-Klatsch-Kolumnisten zu Kommentaren wie diesen gebracht zu haben: "[...] Liebe macht blind. Die beiden sind der eindrucksvolle Beweis dafür, dass Promi-Liebe sogar amtlich bescheuert macht." An anderer Stelle wird das Paar mit "Straßenkötern" verglichen, "die Sorte, die sich gegenseitig bespringen, bis sie total verdummen." Solche Vergleiche sind vielleicht etwas hart. Aber zugegeben, etwas merkwürdig ist das Liebesspiel der beiden schon. Jolie, zu Gast in einer Talkshow, stellte klar, dass sie jetzt "ganz schnell zu Billy Bob ins Bett will". Und eifrig betonten sie: "Wir lieben und so sehr, dass es weh tut!" Na, dafür baut sich das Paar nun ein Nest mit einer Art "Gummizelle" - damit nichts kaputt geht beim Sex.
 

"Ich wäre imstande, jemanden umzubringen, wenn er/sie ihn auch nur falsch anschaut", sagt Jolie. Wir zittern. Zynismus hin oder her: Angelina scheint glücklich zu sein, und das ist beneidenswert. "Ich dachte, dass ich niemals ruhig werden, mich niederlassen und Befriedigung empfinden würde", sagt sie. "Ich dachte immer, dass ich niemals an einem Platz bleiben könnte, und dass niemand jemals an mich herankommen würde. Ich fühlte mich sehr leer bei diesen Gedanken. Jetzt bin ich erfüllt. Ich bin ruhig. Und das Leben erhält eine neue Bedeutung. Er macht mich komplett. Ich bewundere ihn, und wir haben Spaß zusammen."
 

Nicht schlecht für jemanden, der sich selbst als "Soziopath" bezeichnet. Am Set von 'Girl, Interrupted' ('Durchgeknallt') hegten Jolies Co-Darstellerinnen ihr gegenüber jedenfalls gemischte Gefühle. Die Aufgabe psychisch kranke, depressive und desorientierte Menschen zu spielen, also über Monate hinweg in angeknacksten Seelen zu wohnen, war schon aufreibend genug. "Man musste sie ständig beobachten, auf alles gefasst sein", beschreibt Britanny Murphy (Alicia Silverstones Freundin aus 'Clueless - Was sonst?') ihren Eindruck von Jolie. Die sagt es selbst deutlicher: "Zu einigen der Mädchen fand ich keinen Zugang. Ich weiß nicht genau, wie die mich fanden. Ich vermute, dass jeder irgendwann mal gedacht hat, dass ich nicht nett bin."

Das Verhältnis zu Co-Star Winona Ryder (in der Rolle der Susanne Kaysen) blieb relativ kalt. Beide schafften es nicht, aus ihren Rollen hinaus zu treten, um sich in der Realität freundlich zu begegnen. Das mag daran gelegen haben, dass sich sowohl Ryder als auch Jolie völlig mit den Protagonistinnen identifiziert hatten. Regisseur James Mangold erzählt von Jolies Vorsprechen für die Rolle der herzlosen, lasziven Soziopathin Lisa, wie von der Erscheinung des Leibhaftigen. "Sie kam herein und war Lisa".
 

Angelina konnte nicht aufhören, Lisa zu sein. Ryder war im Nachhinein imstande, die Figur Susanna zu beschreiben, Jolie erzählt von Lisa und meint sich selbst. "Lisa ist vollkommen impulsiv. Sie mag Menschen nicht, die nicht sie selbst sind", sagt Jolie in einem Interview. Schließlich sagt sie von sich dasselbe, und man erkennt, wie viel 'Durchgeknallt' sie gekostet hat. Es hat sich ausgezahlt: Jolie bekam für ihre Leistung den Oscar.
 

Anstatt sich nach der Psycho-Rolle wieder zurückzuziehen, wie bei 'Gia', machte Angelina stur weiter. Im testosteron-lastigen 'Nur noch 60 Sekunden' ist sie "one of the guys" um Nicolas Cage. Sie mimt eine coole Autodiebin mit blonden Dreadlocks, die nebenbei Motorrad fährt, in einer Heavy Metal Bar jobbt und ölverschmiert unter Autos herumkriecht. Das Ganze ist ziemlich light, aber sexy. Nicht minder aufregend wird die Verfilmung von 'Tomb Raider', in der sie als Lara Croft wieder die Harte spielen darf. Bis sie in Hotpants die Welt retten darf, muss sie allerdings - so lautet die vertragliche Regelung - auf Zigaretten verzichten, früh ins Bett gehen und eine strikte Diät einhalten (weil das ja auch bitter nötig ist, für eine Frau, deren Kurven mit denen eines Ferraris verglichen werden).
 

Auch in Zukunft wird uns Jolie in Atem halten, es sei denn, sie beschließt, im Amazonas auf Schlangenjagd zu gehen oder doch Totengräberin zu werden. Man weiß ja nie. Auf jeden Fall ist sie mit Vorsicht zu genießen. Angelina Jolie zu analysieren ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ihr Charakter - dunkel oder nicht - wird ein Rätsel bleiben.

 

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