SZ Magazin, Juni 2000
Oder doch nicht? Die Schaupielerin Angelina Jolie scheint mit 25 ihre wilde Zeit hinter sich zu haben. In diesem Jahr gewann sie den Oscar und spielt die Rolle der Lara Croft. Interviews mit ihr werden auch immer langweiliger - deshalb haben wir uns für ein Porträt entschieden.
Wenn Angelina Jolie Voight ein bisschen Freizeit hat, dann setzt sie sich in ihrer New Yorker Wohnung an eine Leinwand und malt. Das Malen ist nicht nur ihr Hobby, es ist ihre Passion, sie ist besessen davon, und es bedeutet ihr wohl sogar mehr als ihre Schauspielerei. Angelina Jolie redet nicht über das, was sie malt und sie erzählt auch nicht, ob sie ihre Bilder jemals austellen wird, aber sie verrät, dass sie einen Künstler besonders bewundert: Den Österreicher Egon Schiele. Weil seine Seele in ihrem Körper wiedergeboren wurde? Schiele hat zur Zeit des Jugendstils die Öffentlichkeit gegen sich aufgebracht, weil seine Gemälde Frauen mit gespreizten Beinen zeigten. Darauf war das österreichische Bürgertum nicht vorbereitet, genausowenig wie das heutige Hollywood. Angelina Jolie ist die erste Schauspielerin, die in einem Interview ihre Schamlippen gezeigt hat. Die Reporterin der Fachzeitschrift Movieline schrieb, "dieses Tattoo", das Jolie ihr zeigte, sei "an einer Stelle angebracht, die sonst nur in einem Hardcore-Porno zum Vorschein kommt".
Schiele ging für seine Bilder in den Knast, Jolie wurde mit Hilfe ihrer Interview-Technik zum Weltstar. Jaja, so haben sich die Zeiten geändert: Wer vor 90 Jahren gegen die Norm verstieß, setzte seine Existenz aufs Spiel. Heute hat ein junges Mädchen, das Hollywood-Star werden will, die besten Chancen auf Erfolg, wenn es sich ganz schlecht benimmt. So kommt es in die Zeitung und ins Fernsehen, die tollen Angebote für Spitzenrollen folgen dann von selbst. Bis Jolie im letzten Jahr "Durchgeknallt" drehte, wirkte sie in 13 Filmen mit, von denen 12 ungenießbar sind. Sie heißen "Hell's Kitchen" oder "Foxfire", "Cyborg 2 - Schatten aus Glas" oder "Hackers" und scheinen nur deswegen gedreht worden sein, damit die Produzenten die Verluste von der Steuer abschreiben konnten.
Der dreizehnte hat den Titel "Leben und Liebe in L.A.", und erst nach Jolies Oscar für "Durchgeknallt" hat sich der Verleih entschieden, den Liebesfilm jetzt in Deutschland zu zeigen. Solange die Menschen nicht über die Schauspielerin Jolie sprachen, konnten sie sich über die Skandalnudel Jolie unterhalten. Denn die gab stets offenen Herzens Auskunft darüber, wie draufgängerisch sie sein kann: "Man ist halt jung, man liebt den Sex, dann hat man einen knackigen Jungen im Bett und ein Messer in der Hand, und dann passieren halt Sachen, die einem hinterher Leid tun können." Sie forderte eine Journalistin auf, ihr erst eine Ohrfeige zu geben und dann mit ihr zu schlafen; Zu ihrer vorletzen Hochzeit 1995 erschien sie mit einem blutverschmierten T-Shirt - sie hatte sich die Adern aufgeschnitten, um den Namen ihres Gemahls auf das Hemd zu schreiben: Jonny Lee Miller. Diese Anekdoten und noch ein paar mehr tauchen seitdem in jeder Geschichte über Angelina Jolie auf, und inzwischen ist klar, dass sie es genau darauf angelegt hat.
Jolie hat das Image der bisexuellen Messersammlerin, und das ist die Lücke auf dem Markt der schönen Mädchen in Hollywood, die sie füllen wollte. Letzte Woche ist Jolie 25 geworden, und das schönste Geschenk war eine Rolle, die ihr zugesagt wurde: Sie darf Lara Croft spielen. Alle weiblichen Stars waren im Gespräch - aber die Frau mit dem agressivsten Image setzte sich durch. Jolies Vater Jon Voight war in den Sechzigern seit seinem Oscar für "Midnight Cowboy" Ikone eines neuen, sensiblen Männertyps gewesen. Wird seine Tochter jetzt zum Idol aller Mädchen, die gerne mal zuschlagen? In "Durchgeknallt", der diese Woche in die Kinos kommt, spielt Jolie die nymphomane Soziopathin Lisa. Durch tückisches Verhalten terrorisiert sie die Insassinnen eines Irrenhauses, und mit Intrigen will sie die Heilung ihrer besten Freundin Susanna (Winona Ryder) verhindern. Jolie ist so hässlich zurechtgemacht, wie es nur geht: Die Haut ist blass geschminkt; Die Kleidung versucht die Formen des Körpers zu verbergen; Jolie behält die Kleidung an. Und doch kann der Regisseur James Mangold nicht anders, als alle anderen, die einen Film mit Angelina Jolie drehen: Er richtet die Kamera auf ihren Mund. Man sieht den Bildern an, wie der Regisseur dem Kameramann Jack Green zugeraunt haben muss: "Egal, was passiert, du filmst, wie die Lippen auf und zu gehen." Filme über Irre werden immer gut behandelt von der Oscar-Jury. Das war schon bei Hitchcocks "Notorious" und bei Milos Foremans "Einer flog über das Kuckucksnest" so. Jetzt hat Jolie von diesem Phänomen profitiert. Schade: Seit sie den Oscar für die beste Nebenrolle bekam, haben ihre Interviews an Exzentrik verloren. "Ich hatte seit zwei Jahre keinen Sex." - "Ich bin ein ganz normales Mädchen, das geliebt werden will." - "Ich bin total monogam." - "Die Ehe mit Jonny war ein tolles Experiment, aber wir haben uns auseinandergelebt." Vor vier Wochen hat Jolie in Las Vegas den Schauspieler und Regisseur Billy Bob Thornton geheiratet. Der ist 20 Jahre älter, aber er hat die gleichen Interessen: Filme drehen, Motorrad fahren, Tattoos. Nach der Hochzeit besuchten die beiden eine Tätowierstube. Auf Jolies Schulter steht jetzt "Billy", auf Billys "Angelina". Er ist laut "People" der fünfte Liebhaber, den sie auf ihrer Haut verewigt hat, sie ist seine vierte Eintragung. Egon Schiele ist 14 Tage nach dem Tod seiner Frau Edith an Liebeskummer gestorben. Ob die Ehe von Thornton und Jolie auch bis an ihr Lebensende hält?
Lars Jensen
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