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Hungrig nach Oscar

TV Today, Mai 2000
 

Allein schon ihr Auftritt bei der Oscar-Verleihung im März war preisverdächtig. Denn er traf voll ins Schwarze. Angelina Jolie erschien in einem Outfit, als habe sie sich zur Feier des Tages aus dem Klamottenfundus der "Addams-Family" bedient: endlos lange Zottelhaare, langärmeliges Kleid und dicke Balken auf den Augenlidern - alles in Pech- bis Tiefrabenschwarz. Dazu ihre von Haus aus blasse Haut, unter der die Adern blau schimmern. Wie unter Schock nahm Miss Zombie dann ihre Auszeichnung entgegen: den Oscar für die beste Nebenrolle im Drama "Durchgeknallt - Girl, Interrupted". Eine Trophäe, auf die viele Hollywood-Stars ihr Leben lang vergeblich hoffen. Und Angelina Jolie ist erst 24!
 

"Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet", beteuert die ausgezeichnete Künstlerin. "Als ich meinen Namen hörte, musste ich mich zuerst mal in den Armen meines Bruders verstecken." Dabei hätte die Newcomerin eigentlich auf den Ernstfall gefasst sein müssen: Für dieselbe Rolle war sie zuvor bereits mit einem Golden Globe geehrt worden - insgesamt ihr dritter, denn zwei Globes heimste sie bereits für Rollen in TV-Filmen ein. Nun hat man ihr auch noch dieses "sauschwere Ding" namens Oscar in die Hand gedrückt. "Ich hatte vorher noch nie einen anfassen dürfen. Der von meinem Vater stand nämlich immer bei meiner Großmutter in einem Goldfischglas ganz oben auf dem Regal, damit wir Kinder nicht rankonnten."
 

Ihr Dad - das ist Hollywood-Veteran und Oscarpreisträger Jon Voight ("Asphalt Cowboy"), ihre Mutter die französische Schauspielerin Marcheline Bertrand. Auch ihr Bruder Jamie Haven kam nicht gegen sein Erbgut an und landete in der Filmbranche. Jamie machte Angelina Jolie Voight, wie sie eigentlich heißt, in ihrer Dankesrede eine regelrechte Liebeserklärung. Denn zu ihm hat sie, wie sie sagt, eine ganz besonders enge Beziehung - was einige Herrschaften in Hollywood bereits auf abstruse Gedanken bringt.
 

Doch Angelina Jolie hätte auch dem Weihnachtsmann oder Charlie Brown danken können. Die Menschen hängen immer an ihren Lippen. Lippen, die an zwei aufeinander gestapelte rote Schlauchboote erinnern, aber laut ihrer Besitzerin garantiert silikonfrei sind.
 

Vielleicht ist Angelina Jolie ja tief in ihrem Innern ein ganz liebes Mädel mit ausgeprägtem Familiensinn. Sie behauptet allerdings, sie sei 'ne ganz Wilde. Mit ganz wilden Hobbys. Zum Beispiel sammelt sie Messer, die sie auch schon für Sadomaso-Spielchen im Bett verwendet hat, wie sie gern erzählt. Und dann liebt sie Beerdigungen und pflegt ihr morbides Gedankengut. Immer mal wieder kursieren Gerüchte über eine Drogen- und Magersucht der selbst ernannten Rebellin. Doch das sei Quatsch, sagt sie. "Ich war in der letzten Zeit nur im Stress: private Probleme und zwei Filme ohne Pause hintereinander. Da war ich eben ziemlich nervös und habe kaum noch was gegessen. Aber wenn ich mal wirklich ein paar Pfund abnehme, macht das bei mir optisch immer gleich sehr viel aus." Ein schwarzes langes Kleid tut da ein Übriges.
 

Besonders stolz ist die Exzentrikerin auf ihre neun Tattoos: Eines zeigt das japanische Schriftzeichen für Tod, ein anderes den Spruch "Quod me nutrit me destruit" (Was mich nährt, zerstört mich). Schlangen und Drachen sollen auch darunter sein. Sowie ein Tennessee-Williams-Zitat über wilde Herzen, die in Käfige eingesperrt sind. Ganz genau wissen das nur ein paar auserwählte Menschen wie Johnny Lee Miller ("Trainspotting"), Angelinas Filmpartner aus "Hackers", den sie 1996 heiratete. Zur Hochzeit trug die Braut schwarze Latexhosen und ein T-Shirt, auf das sie mit ihrem Blut seinen Namen geschrieben hatte. Die Ehe hielt trotzdem nicht.
 

Zyniker würden sagen: Pech in der Liebe, Glück im Schauspiel. Denn Angelina Jolie ist nach ihrer Scheidung ("Unsere Ehe war ein wunderschönes Experiment") auf dem besten Weg, ein wirklicher Star zu werden. Ihre Aktien an der Traumfabrik steigen fast täglich. Allein in den kommenden zwei Monaten starten vier Filme mit ihr in den deutschen Kinos, allen voran "Durchgeknallt - Girl, Interrupted" (Start: 15.6.) mit jenem Auftritt, für den sie den Oscar bekam. Jolie verkörpert in dem Drama eine psychisch gestörte Frau, die in einer Nervenklinik lernen muss, wieder mit der Realität klarzukommen. "Ich spiele sehr gern verrückte Typen", sagt sie. "Und es hat großen Spaß gemacht, hier mal die Sau rauszulassen. Es tat wirklich gut, meine ganze Wut rausschreien und weinen zu dürfen."
 

Wut? Welche Wut? Eine Psychaterin, bei der sie eine Zeit lang in Therapie war, habe ein Kindheitstrauma diagnostiziert, das mit der frühen Trennung vom Vater zusammenhänge, erklärt Angelina Jolie. Ihre Eltern hatten sich scheiden lassen, als sie erst zwei Jahre alt war. So wuchsen sie und ihr Bruder bei der Mutter auf. "Die Frauen, die ich spiele, machen oft viel Leid durch. Damit kann ich mich gut identifizieren. Jede dieser Frauen bin ich zu einem gewissen Teil auch selbst. Denn auch ich habe in meinem Leben schon viel Schmerz erfahren. Und Schauspieler sind sehr intensive Menschen... Aber meine Charaktere sind oft auch sehr lustvolle Wesen, die richtig viel Freude empfinden können. Genau wie ich in meinem wirklichen Leben."
 

Das lässt hoffen - schließlich ist die Lee Strasberg-Schülerin ja nicht auf Wahnsinnige oder Opfer des unerbittlichen Schicksals abonniert. In der Fluglotsen-Komödie "Turbulenzen - und andere Katastrophen" (29.6.) beispielsweise verführt sie als untreue Ehefrau im Leoparden-Outfit und Push-up-Bra den wehrlosen John Cusack. In "Leben und Lieben in L.A." (29.6.), einem Love-Story-Karussell um moderne Beziehungskisten, geht Angelina als Großstadt-Single auf Männerjagd. Und in "Nur noch 60 Sekunden" (17.8.) tritt sie an der Seite von Nicolas Cage als Autoknackerin auf. Dem Trend zu Lust und Leichtigkeit in ihrer bisherigen Karriere setzt ihr jüngstes Filmprojekt die Krone auf: Im Realfilm "Tomb Raider", der noch in diesem Jahr gedreht werden soll, wird Angelina Jolie das virtuelle Sexsymbol Lara Croft verkörpern. Allein dass sie die Rolle überhaupt ergattern konnte, ist fast schon wieder eine Oscar-reife Leistung: Immerhin hatten sich auch Superstars wie Sandra Bullock und Catherine Zeta-Jones um die Rolle des Cyber-Girls beworben...

 

 

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